Mein zweites Ich

Seit mittlerweile 5 Jahren bin ich Vegetarier. Natürlich wegen der Tiere. Ich esse kein Fleisch und keinen Fisch. Der Grund für den Vegetarismus war aber nicht von Anfang an die Tierliebe. Anorexie Nervosa. Pro Ana. Wie auch immer man es nennen mag. Ich hatte nie Probleme mit meiner Figur. War immer sehr, sehr schlank. Und dann kam die Pubertät. Ich nahm zu, meine Oberschenkel berührten sich plötzlich. Ein so ungewohntes Gefühl, dass ich wohl nie wieder vergessen werde. Ich kannte das ja so gar nicht. Ich könnte immer das Essen was ich wollte. Habe mich nie für Kalorien oder gar Sport interessiert. Doch dann fing es an. Ich nahm zu. Das war so ein schlimmes Gefühl für mich, dass ich es egal mit welchen Mitteln, unbedingt aufhalten musste. Der Weg dahin fing im Internet an. Ich las Blogs, machte Obsttage, fastete. Irgendwann kam ich auf sogenannte "pro ana" Blogs. Ich las mich rein, verschlang die Gesetze, die Regeln, die Diäten. Und es funktionierte. Es fühlte sich anfangs so leicht an. Einfach nichts essen, stark sein, nicht nachgeben. Und so purzelten auch schon die Kilos. Ich war keinesfalls dick. Ich war Normalgewichtig. Wollte aber unter die 17 kommen - laut BMI Untergewicht. Und so hörte ich eben auch auf Fleisch zu essen. Dann ging alles noch viel schneller, ich aß weniger und weniger. Früher in der Schule gar nichts mehr. Das einzige was ich am Tag gegessen habe, war zu Abend. Da musste ich. Familienessen. Immer pünktlich, immer alle zusammen. Ich hatte schnell die Tricks raus,um so wenig wie möglich zu essen - großzügig auf dem Teller verteilen, sodass es nach mehr aussieht, Ausreden hatte ich auch einige auf dem Kasten. Nach ein paar Wochen Führte ich ein Esstagebuch. Ich trug alles ein, was ich gegessen habe, was ich verweigert habe, was ich verschenkt habe, welchen Sport ich gemacht habe, und zum Schluss - was ich erbrochen habe. Nach einigen Monatem, merkte meine Mutter schließlich was los ist. Sie fand mein Buch. Mein Buch in dem ich alles was mir wichtig war aufschrieb, meine Maße. Mein Gewicht. 45 kg brachte ich noch auf die Waage. Für meine Größe von 174cm was das natürlich viel zu wenig. Ich trug nur noch zu große Sachen, damit es niemand bemerkt. Der Tag an dem ich merkte, was ich mit Meinem Körper machte war im Supermarkt mit meiner Mama. Sie fragte mich was ich den Tag über essen wolle. Ich antwortete, dass eine Grapefruit ausreicht. Die verbrennt nämlich mehr Kalorien, als sie enthält - wegen der Säure. Da könnte meine Mama sich nicht mehr zurück halten, schrie mich im Supermarkt an und fragt was mit mir los sei. Die nächsten Tage und Wochen zeigte sie mir wieder, wie es ist sich richtig und gesund zu ernähren. Und heute .. Heute lebe ich Immer noch vegetarisch. Achte auf meine Ernährung. Gehe ins Fitnessstudio. Habe immer wieder Höhen und Tiefen. So richtig verliert man diese Stimme im Kopf nie, die sagt 'iss nichts mehr. Du bist zu dick. Hör auf zu essen'. Sie ist immer da. Mal leiser, mal lauter. Sie wird immer da sein und ich werde wahrscheinlich nie wieder ein normales Essverhalten haben, aber ich weiß damit umzugehen. Und das nur, weil meine Mama für mich da war. Danke Mama

8.7.15 21:06

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